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„Gleich hast Du es geschafft!“
By admin | Februar 21, 2009
Für einen Samstag morgen nach einem Karnevalsfreitag ist heute in der Bahn erstaunlich viel los. Wie schön, dass ich nicht die einzige bin, die so früh auf den Beinen ist, ansonsten wäre mein Selbstmitleid noch erheblich größer. Aber ich habe ja natürlich auch Grund mich zu freuen! Ich sage nur: Akupunktur-Seminar 4ter Block, 2ter Tag! Ich kaufe der als Pirat verkleideten Frau beim Bäcker einen großen Kaffee ab und bewege mich Richtung Schule.
Ehe ich mich versehe hat der Unterricht bereits begonnen. Nach einer ausführlichen Besprechung des Punktes MP3 und der Erkenntnis von Goethe „Nur wer mir schnell hilft, hilft mir gut“ wenden wir uns den Lungen-Mustern zu. Eine, wenn auch nur kurze, wundervolle Zeit lang erscheint alles logisch zu sein. Doch schon bald passt eines der geistigen Puzzlestücke mal wieder nicht mehr richtig. Es entsteht eine Diskussion, warum man im Falle einer Lu-Qi-Schwäche nicht etwa die Aktualität, als auch die Chronozität zeitgleich behandeln sollte. Auch ich formuliere meine Theorie zu dieser Thematik und ernte von Herrn Thews, den mit Sicherheit nur gut gemeinten Kommentar: „Manchmal ist es besser zu schweigen und nur klug zu schauen!“. Ich beschränke mich also auf das klug schauen, nehme im Geiste einen Hammer zur Hand und klopfe das Puzzlestücken gewaltsam in seinen Kontext hinein. Frei nach dem Motto: was nicht passt wird eben passend gemacht! Der Unterricht setzt sich fort und ich bin froh, dass ich meinen Puzzlehammer erst einmal nicht mehr benötige.
Herr Thews spaziert munter durch die Klasse und alle Anwesenden notieren fleißig jedes von ihm gesprochene Wort. Auch mein Kugelschreiber und ich sind völlig in unserem karierten 80 Blatt Din A4 Collegeblock versunken, als eine Mitschülerin einen lauten Nieser aus ihrer Nase in die Freiheit entlässt. Ich zucke zusammen. „Das war Wind!“ sprichts Herr Thews und fügt hinzu „Sie haben gerade versucht ihre Erreger mit ein paar hundert Stundenkilometern aus ihnen heraus zu katapultieren. Ich nehme mal lieber Abstand von ihnen!“. Schnell habe ich den Weg in meinen Collegeblock zurückgefunden und schaue zu, wie meine rechte Hand mit dem silbernen Kugelschreiber die Worte „Da Chang“ notiert. Und damit besprechen wir ab jetzt den Dickdarm in der chinesischen Organtheorie. Nach einem langen Monolog seitens Herr Thews, möchte selbiger uns offensichtlich nun zum Dialog animieren: „Und wie kommt jetzt die Hitze in den Darm? Wird die da anal eingeführt?“. Letzteres schließe ich persönlich aus, habe aber keine Ahnung und beschränke mich lieber darauf auch an dieser Stelle einfach nur klug zu schauen. „Oft geht sie vom Magen-Feuer aus!“ führt Herr Thews den nun doch zum Monolog gewordenen Dialog weiter fort und wendet sich wieder der Tafel zu. `Oft geht sie vom Magen-Feuer` aus, schreibt meine rechte Hand fleißig in die karierten Zeilen hinein. Nach den den Dickdarm betreffenden Fülle-Mustern, wenden wir uns den dazugehörigen Leere-Mustern zu. Anschaulich wird uns erklärt, wie Kälte zu einer Di-Qi-Schwäche und im weiteren Verlauf zu einem Dickdarm-Kollaps führt. Nachdem wir nun auch von der Redensart `Ein Mann ohne Bauch ist ein Krüppel` gehört haben, wenden wir uns dem Akupunkturpunkt Ma25 zu. Ich wundere mich zusehends darüber, dass meine rechte Hand keinen Krampf erleidet und tapfer weiterhin alle gesprochenen Worte in Buchstaben transformiert. Gute Hand, so ist brav! Auch wenn sie die Zeilen schon nicht mehr ganz so zielsicher trifft… Nach der weiteren Ausführung diverser Ma-Punkte, die wir zu Übungszwecken nur lokalisieren und nicht stechen müssen, wenden wir uns nun endgültig der Thematik des Magens zu. Jemand stellt hier unvermittelt noch eine Frage zum vorher besprochenen Punkte-Konzept und Herr Thews ist sichtlich überrascht: „Das hab`ich jetzt nicht erwartet! Ihre Stirn lag nämlich nicht in Falten!“. Er antwortet trotzdem und eine erfreulich lange Zeit fügen sich die Puzzlestücken problemlos aneinander. Bei den Leere-Mustern des Magens muss ich dann zwischenzeitlich doch noch einmal meinen Puzzlehammer auspacken. Aber alles in allem wandere ich zufrieden auf den von Herrn Thews formulierten geistigen Pfaden.
Beim Punkt Ma34 machen wir einen kurzen Ausflug zum Thema Rheuma und erfahren, dass bei den Chinesen diese Krankheit als „Bi“ bezeichnet wird. „Bei den Chinesen heißt also `Bist Du auch ein bisschen Bi` nichts anderes, als „Hast Du auch Rheuma?`“ veranschaulicht Herr Thews noch einmal die Thematik und ich grinse müde in meinen Block hinein. Es ist 16:00 Uhr und meine geistigen Fähigkeiten scheinen von Minute zu Minute abzubauen. Ich glaube einige Puzzlestücken in meinem Kopf haben sich auch schon wieder in Luft aufgelöst… So fühlt es sich zumindest gerade an. Verflixt! „Wir wollen jetzt einmal stechen!“ höre ich Herr Thews dann sagen. Och, ich mag mich gerade gar nicht bewegen, denke ich. Und ich mag jetzt auch irgendwie nicht durch die Einstiche von 5cm Nadeln aus meiner Lethargie herausgerissen werden! „Jeder sucht sich einen Partner! Und unser Rückenpatient bekommt in der Zeit bitte nochmal sein Rückenkonzept gestochen!“ höre ich die stets wache Dozentenstimme sprechen. Das ist meine Chance, realisiere ich plötzlich und sage: „Das heißt, der der den Rücken behandelt, der wird selbst nicht gestochen?“. Herr Thews lächelt und nickt. „Dann mach ich das!“ sage ich bestimmt und springe auf! Mein Patient quält sich auf die Liege und ich taste auf seinem stark verspannten Rücken nach den Dornfortsätzen seiner Lendenwirbelsäule: „Eins…zwei… ach Quatsch ich zähl ja falschrum… fünf…vier… drei… oder war das jetzt doch falsch…. ?! Herr Theeeeewwwwws?“. Herr Thews kommt mir zur Hilfe und nachdem ich nun weiß, wo sich welcher Dornfortsatz befindet, beginne ich die Punkte zu lokalisiern. Mein Kopf ist müde und schwer! Bor nee, das bekomme ich jetzt nicht hin! Ich stehe etwas verloren neben meinem Patienten und taste orientierungslos auf seiner Lendenwirbelsäule herum. Mist, ich möchte nicht schon wieder um Hilfe rufen! Nach einer Weile schießt unerwartet ein rettender Geistesblitz in mein Haupt: Dem Armen wurden die Punkte ja gestern schon einmal gestochen… Ich brauche mich also nur an den kleinen Einstichnarben von gestern zu orientieren! Hihi, wie raffiniert! Ich fühle mich wie Wiki von den Wikingern, nur dass ich die Hand nicht zur Faust balle und den Daumen nach oben in die Luft strecke. Frisch motiviert beuge mich also nahe über den Rücken meines Patienten, als wolle ich das Kleingedruckte in einem Vertrag lesen, und versuche zwischen den dort ansässigen Rückenhaaren die alten unscheinbaren Einstichlöcher zu finden. Aha! Da sind sie! Juhu! Ich schenke Haaren und Haut eine großzügige Desinfektionsdusche und warte startklar mit den Nadeln in der Hand, dass die Desinfektionslösung einzieht. So! „Es geht jetzt los“ informiere ich meinen Patienten und implantiere nacheinander 9 Nadeln jeweils knapp neben meinen Orientierungsnarben. Mein Patient ist tapfer! Er sagt nichts und schreit nicht. Er zuckt nur ab und zu zusammen und in den Momenten zucke ich mit ihm. Uhhh, dass tut bestimmt weh… „Gleich hast Du es geschafft!“ versuche ich ihn zu ermuntern und steche noch 2 weitere Nadeln in seine Füße. So, jetzt noch die Moxxabox auf den Rücken gesetzt und – fertig ist das Werk!
Patient ist gestochen und qualmt – supi! Ich schaue noch ein wenig was die anderen so treiben und erfreue mich an Aussagen wie „Du hast da 2 Löcher, guck mal, und das hier ist tiefer…“. Dann muss ich mir leider von Herrn Thews sagen lassen, dass mein Werk wie „Kraut und Rüben“ ausschaut. Die Punkte seien zwar richtig sagt er, aber die Nadeln sind alle nicht so ganz im richtigen Winkel. Hmmm… ich hab mir aber echt Mühe gegeben… 20 Minuten später darf ich meinen Patienten von seinen Nadeln befreien und es schließt sich wieder der theoretischer Unterricht an. Wir sprechen über die Milz im energetischen Sinne und erfahren, welcher Punkt das „I-Tüpferli“ beim Milz-Yang-Mangel darstellt. Dann spricht Herr Thews ein fast noch schöneres „I-Tüpferli“ aus: „Wir machen dann für heute Schluss!“. Coole Sache, denke ich, packe zügig alle Puzzleteilchen des heutigen Tages in meinen Rucksack und mache mich vom Acker.
Topics: Mein Tagebuch |




Mai 18th, 2009 at 14:12
Was für ein wunderschönes Foto. Wann erstellst du hier neue Beiträge?
Viele Grüße