Mein Weg zum Heilpraktiker

« Freude macht krank! | Home | Das Karnickel im Karnickelzuchtverein »

„In welches Loch soll ich denn stechen?“

By admin | April 24, 2009

Es ist Freitag morgen. Mit einem großen Kaffee bewaffnet betrete ich unseren TCM-Klassenraum, setze mich auf meinen Platz und warte der Dinge die da kommen werden. Es fühlt sich nicht so an, als wäre der letzte Kurs bereits einen Monaten her. Alles ist noch so vertraut, als hätte ich gestern zuletzt hier gesessen. Herr Thews putzt fleißig die Tafel, während die bereits Anwesenden darauf warten, dass auch der Rest der Mannschaft eintrifft. Alles ist wie immer. Und schon wenige Minuten später sind wir komplett und der Unterricht beginnt – wie immer eben!

Herr Thews steigt mit einer grundsätzlichen Wiederholung ein und das erste mal fällt mir auf, dass sich der Satz „Das Individuum hat Qi“ so anhört, als hätte jemand niesen müssen und man gibt ihm ein freundliches „hat Qi“, also „Hatschi“ mit auf dem Weg. Lustig, das passt ja irgendwie auch! Dann finden wir alle einen kleinen Fragenkatalog mit dem Titel „Fragen zu Kardinalsymptomen“vor uns, den Herr Thews zuvor an jedem Platz deponiert hat, den es jetzt gemeinschaftlich zu erarbeiten gilt. Bei der ersten Frage „Herr Müller hat Durchfall. Beschreiben Sie einmal die folgenden Muster.“ kommt es zu schönen Stuhl-Diskussionen. Angefangen bei wässrig, nicht reizendem Durchfall, über blutig, brennenden, schleimigen Durchfall bis hin zu an der Kloschüssel klebendem, schwer abzusetzendem Stuhl mit eventuell noch enthaltenden Nahrungsresten „kauen“ wir alle Varianten gründlich durch. Ja ja, ich weiß noch wie unangenehm ich es noch vor einiger Zeit fand derart detailliert über Stuhl zu sprechen. Nun, so ändern sich die Zeiten! Fest? Geformt? Weich? Geschmeidig? Klebrig? Mit Stuhl kenne ich mich aus!

Zwischendurch kommt es zu der Situation das einige, ich eingeschlossen, den Punkt KG12 an sich selbst zu lokalisiern versuchen. Herr Thews kommentiert unseren Eifer nur mit den Worten: „Sie können sich doch nicht alle am Busen herum fummeln, während ich hier arbeite!“

Einige Schlafstörungen, Magenschmerzen, Fieber und rote Augen später beginnen wir mit dem eigentlichen Thema unseres Unterrichts-Blocks: die Gynäkologie! Wir erfahren, welche Zang-Fu-Organe und welche außerordentlichen Meridiane auf den Uterus einwirken und besprechen einige Zusammenhänge. Dann gehen wir auf die pathogenen Faktoren ein, welche den Uterus angreifen können, und besprechen an dieser Stelle eine Reihe von Symptomen. Hier muss ich zugeben, war mir bis heute nicht ganz klar, dass sich die Beschaffenheit des Periodenblutes doch so genau differenzieren lässt. Von Blut das Fäden zieht über Koagel und Fetzen gehen wir so ins Detail, dass mir sogar schon ein bisschen Übel wird. Und ich bin eine Frau! Wie fühlt sich nur unser einziger Mann im Kurs bei diesen blutigen Ausführungen?! Er ist auf jeden Fall sehr still…

Nun denn, im weiteren Verlauf erfahren wir, dass im Klimakterium die fruchtbare Frau zur furchtbaren Frau mutiert, sexuelle Aktivitäten während der Periode zu einer Xue-Stase führen können und das es eine unbeschreiblich unangenehmes olfaktorisches Erlebnis sein muss, wenn ein bereits 2 Wochen in einer Scheide ruhendes Tampon aus selbiger entfernt wird.

Dann schließlich besprechen wir den ersten Akupunkturpunkt des Tages, der den Namen „Bai Chong Wo“ trägt, was soviel bedeutet wie „100 Insektennester“. Diesem schließen sich die Punkte MP10 und MP 8 an, so wie letztendlich die „Ba Liao“ Punkte, die sich in den Foramina des Kreuzbeins befinden und sich übersetzt die „8 Kellerlöcher“ schimpfen. Nach ausführlicher Besprechung dieser Kellerlöcher, spricht Herr Thews: „ Wir brauchen einen Freiwilligen, an dem wir die Punkte einmal lokalisieren können!“. - Stille – Na klar, wie immer, denke ich. Keiner legt sich gerne freiwillig auf die Liege, zieht seine Unterhose ein Stück herunter und lässt die ganze Belegschaft mal anfassen. - Immer noch Stille – Gott noch! Soll ich es machen? In dem Moment meldet sich unser einziger Mann im Kurs leicht genervt und öffnet auf dem Weg zur Liege schon bereitwillig seine Hose. Als er so hilflos da liegt stürzen wir Frauen uns auch schon auf sein Kreuzbein und suchen eifrig nach seinen foramina sacrale.

 

 Ja wo sind sie denn nur? Ah, da sind sie ja! So nah beieinander? „Seine Foramina sind schwer zu tasten! Er hat ein sehr kleines Kreuzbein!“ sprichts Herr Thews in diesem Moment. Und damit sich unser Patient nicht in seiner Männlichkeit gekränkt fühlt, füge ich ihm zugewandt zu: „Die Rede ist ja lediglich von deinem Kreuzbein!“. Alle lachen darauf hin. Ich hab es nur gut gemeint, da Männer im Allgemeinen ja nun mit dem Wort „klein“ psychisch nicht allzu gut zurecht kommen…

Nun, im Anschluss beschließt Herr Thews wir bräuchten noch jemandem, bei dem man die Foramina besser lokalisieren könnte. Als Opfer bestimmt er die schlankste aus unserem Kurs und wir haben also ein neues Kreuzbein, welchen wir erkunden können.

Aha… Loch… Loch… noch ein Loch… wie schön! Ich bohre mit meinem Zeigefinger in den Kellerlöchern der Patientin herum und bin zufrieden! Ich hatte blöderweise von Anfang an nicht bedacht, dass Herr Thews sich sicherlich nicht mit dem bloßen Kellerlöcher bohren zufrieden geben wird. So kommt es, dass er sagt: „Wir brauchen nun jemanden, der sich hier stechen lässt“. Sein Satz steht im Raum…. und steht…. und steht…. Die Liege ist mittlerweile wieder leer und wartet darauf neu besetzt zu werden. Keiner sagt etwas. Jemand geht aufs Klo. Ich Idiot aber auch! Das hätte ich doch ahnen können. Hätte ich mich mal lieber als Tast-Opfer zur Verfügung gestellt… Als die Stille schier unerträglich wird platzt es dann aus mir heraus: „Ok, ich mach`s! Ich kann diesem Druck nicht Stand halten!“. Da öffnen meine Hände auch schon Gürtel und Hosenknopf und schwupps befinde ich mich auch schon bäuchlings auf der Behandlungsliege. Ich spüre viele Hände mein Kreuzbein erkunden. Herr Thews lobt meine anatomische Struktur an dieser Stelle: „ Schön! Hier kann man die Foramina sehr gut tasten!“. Wow! Na das hat noch nie jemand zu mir gesagt! Wann bekommt man schon mal ein Kompliment für sein Kreuzbein?! Während interessante Sätze meine Ohren erreichen, wie „Hier ist ein Loch…und da… und da ist ein tiefes….“ starre ich durch die Kopfaussparung der Behandlungsliege auf den grauen Teppichboden. In meinem Blickfeld befinden sich ein paar Füße eingekleidet in schwarze Socken mit Homer Simpson drauf. „Du hast ja den Homer auf deinen Socken“ spreche ich gen Teppichboden. Ein „Ja“ erklingt von oben und einer der Füße macht ein paar Dorsal- und Plantarflexionen. Ich muss grinsen. Doch schnell weicht mein Grinsen einem angespannten, erwartungsvollen Gesichtsausdruck, denn wie ich höre werde ich wohl gleich gestochen. Ich erhebe kurz mein Haupt und drehe es umständlich herum, um überhaupt zu erfahren, wer mir gleich Schmerzen zufügen wird. Aha! Ok! Dann blicke ich wieder auf grauen Teppichboden und Homer Simpson-Socken. „In welches Loch soll ich denn stechen?“ höre ich meine Therapeutin fragen. „Suchen sie sich eines aus!“ antwortet Herr Thews auf ihre Frage. Das ist eindeutig wieder ein was-zum-Teufel-tue-ich-hier-Moment in meinem Leben. Sieben Leute stehen im Halbkreis um meinen Hintern herum und einer davon ist noch unschlüssig in welches Loch er gleich hinein stechen möchte. Gute Güte! Als die Nadel schließlich in eines meiner Kellerlöcher implantiert wird bin ich auf alles gefasst. Mit geschlossenen Augen warte ich auf den potentiellen Stromschlag der mich gleich durchströmen wird oder eine andere De-Qi-Sensation. Doch nichts dergleichen passiert! Auch bei der zweiten Nadel, die in das gegenüberliegende Foramina gestochen wird, empfinde ich außer dem nicht zu vermeidenden Einstichschmerz keine Besonderheit. Puhh! Ich entspanne mich und öffne die Augen wieder, als Herr Thews das Werk meiner Therapeutin inspiziert: „Sehr gut gestochen!“. Ich bitte jemanden ein Foto zu machen und möchte dann jetzt gerne die Liege wieder verlassen.

Hallo? Ich drehe meinen Kopf zur Seite und suche meine Therapeutin, die sich gerade angeregt mit einer Kollegin unterhält. „Hallo?“ sage ich und daraufhin wendet sie sich mit einem ach-da-war-ja-noch-was-Blick zu mir und befreit mich von den Nadeln in meinen Kellerlöchern. Ahhh! Ich verlasse die Liege und ziehe meine Hose wieder hoch. Gute Güte!

Nach einem weiteren theoretischen Teil zum Thema begleitende Aromatherapie sollen wir uns zum Abschluss gegenseitig noch ein paar Blasen-Punkte stechen. Ich schnappe mir meine Kellerlöcher-Therapeutin, an der ich mich nun rechen darf, und beglücke sie mit Bl23 und Bl36.

 

Sie ist tapfer! Nach weiteren Lokalisations-Übungen ist der Unterricht dann für heute auch beendet. Noch beschwingt von meiner heldenhaften Tat mache ich mich auf den Heimweg… :-)

Topics: Mein Tagebuch |

Comments