Mein Weg zum Heilpraktiker

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Das Karnickel im Karnickelzuchtverein

By admin | April 25, 2009

Der letzte Tag des 6ten Akupunkturblocks steht heute an, es ist Sonntag. Die Bahn ist wie leergefegt und meine Müdigkeit kann ich kaum leugnen. Was also tun? Logo, großer Kaffee und ab zum Unterricht. Wie immer eben! Nanu? Außer mir ist erst einer da – neben Herrn Thews natürlich. Was ist los? Ich quatsche ein wenig mit den Anwesenden, nach und nach trudelt der Rest der Mannschaft ein – bis auf einen – und der Unterricht beginnt.

Wir wiederholen ein wenig die gestrige Thematik und sprechen dann eingehend über den Leber-Xue-mangel. Dabei lernen wir, dass sich eine Frau quasi selbst reinkarniert, in dem sie ein Kind bekommt und das man bei einer Bluttransfusion neben dem Blut an sich auch das „Hun“ eines anderen Menschen erhält. Letzteres ist auch der Grund, weswegen manche Glaubensrichtungen eine Bluttransfusion ablehnen, wir lernen dies aber als „Aberglaube“ abzutun. Um uns den Unterschied zwischen Shen (dem Bewusstsein) und Hun (dem Unterbewusstsein, der Reinkarnationsseele) näher zu bringen, nennt uns Herr Thews folgendes Beispiel: „Nehmen wir einmal an Sie fahren schwarz mit der Bahn! Ihnen ist dabei bewusst, dass sie schwarz fahren und möglicherweise 60 EUR löhnen müssen. Ihr spirituelles Gefühl aber signalisiert Ihnen: Ich werde nicht erwischt!“. Aha! Das ist also der Unterschied. Ich stelle fest, mein Hun hätte eindeutig viel zu großen Schiss mir so etwas zu signalisieren! Deswegen kaufe ich mir immer ein Ticket! Denn mein Hun erzählt mir, wenn ich mir kein Ticket kaufe, dann werde ich erst recht kontrolliert! Wie dem auch sei, der Unterschied ist klar!

Nebenbei erfahren wir, dass neuerdings die Hypnose nicht mehr als Hypnose, sondern als „Brain walking“ bezeichnet wird. Interessant! Da will also jemand anders in meinem Hirn spazieren gehen… Ich glaube das ist nicht so mein Ding! Da bleibe ich lieber bei der TCM! Die Seeleneinheiten Po, Yi und Zhi später besprechen wir den Punkt „Qu Quan“. Und während wir alle angestrengt lauschen öffnet sich die Tür des Klassenraums und unser bislang fehlender Mitschüler tritt ein. Hm, irgendwie sieht er heute anders aus als sonst. Ich weiß nicht ganz warum… Ich lege den Kopf schief und runzle nachdenklich die Stirn. Ah, jetzt hab ich es! Die Gesichtszüge sind anders… Es ist der Mund, die Oberlippe ist enorm angeschwollen. Bor krass, dass sieht ja aus als hätte er sich die Lippen aufspritzen lassen. Wir mustern ihn alle, weil offenkundig jeder mekt, dass irgendetwas nicht stimmt. Er hält sich schließlich beschämt die Hand vor den Mund und geht mit hängenden Schultern zu seinem Platz. „Punk Konzert!“ sagt er endlich hinter vorgehaltener Hand und fügt hinzu: „Erste Reihe! Da war dieser Ellbogen der mich erwischt hat…“. So leid er uns allen auch tut müssen wir uns doch stark das Lachen verkneifen . Herr Thews merkt an: „Wir werden sie nacherts mal behandeln!“ und führt seine Ausführungen über den Punkt Le8 weiter fort. Nach einer Weile rückt Herr Thews dann einen Stuhl in den hinteren Bereich des Klassenraums und bittet unseren Punk-Konzert-Geschädigten auf selbigem Platz zu nehmen. Nun sagt unser Dozent: „Wir brauchen einen Freiwilligen, der den Therapeuten spielt“ und die Folge ist wie immer – allgemeines Schweigen! Hm, weil ich ganz hinten im Raum sitze, befinde ich mich im Prinzip sowieso schon unmittelbar neben dem Patienten. Ich bräuchte meinen Stuhl nur ein wenig zu drehen… „Ich mache das!“ sage ich da auch schon und justiere meinen Stuhl ein wenig. Selbst erstaunt über meine Spontanität beginne ich mit der Anamnese, die in diesem Fall sehr kurz ausfällt. Nach dem betasten der geschwollenen Lippe, der Puls- und Zungendiagnose besprechen wir in der Klasse das zu behandelnde Muster und haben schnell die Punkte ausgearbeitet, mit denen ich meinen Patienten gleich beglücken werde. Der Rest meiner Mitschüler schaut noch immer schweigend zu der Lippe meines Patienten herüber und so spricht Herr Thews: „Jetzt schauen sie ihn nicht alle so an wie ein Karnickel im Karnickelzuchtverein!“.

Kurze Zeit später liegt mein Patient dann auch schon vor mir auf der Behandlungsliege. Ich finde es schwer nach dem lokalisieren und desinfizieren die Punkte exakt wiederzufinden und zu stechen und kommuniziere das auch Herrn Thews gegenüber. Seine Antwort beschränkt sich jedoch auf die Aussage :“Fotografisches Gedächtnis!“, womit mir nicht wirklich geholfen ist. Dennoch steche ich nach bestem Wissen und Gewissen und kann mit dem Ergebnis auch zufrieden sein:

Während unser Patient mit seinen Nadeln auf dem Präsentierteller, also der Behandlungsliege inmitten des Klassenraums ruht, macht Herr Thews mit uns aus gegebenem Anlass nochmal einen Exkurs zum Thema „Shui Qi“ (Ödeme, Gedunsenheit, Wassereinlagerungen). Nach einer Weile befreie ich meinen Patienten dann von seinen Nadeln und kriege umgehend aber auch welche von ihm verpasst, denn jetzt schließt sich ein allgemein praktischer Teil wieder an. Warum denn nur über Le8 sprechen? Natürlich wollen wir ihn auch stechen! Und da wir schon mal dabei sind sollen wir auch noch die Punkte Ma36 und MP6 mitnehmen. Eben dies sind die Punkte, welche ich nun auf der Liege liegend empfange.

Typische Dialogie, wie „Bist Du schon drin?“ oder „Ah…Oh…Stop!“ weiter machen wir erstmal eine Mittagspause.

Frisch gestärkt setzt sich der Unterricht um 14:15 Uhr fort. Wir reden ausführlich über die Le-Qi-Stase, welche Herr Thews uns mit Sätzen wie „Im Herzen hab ich Dich getragen, jetzt liegst Du mir schwer im Magen“ lebhaft näher bringt. Wir lernen welche Punkte hiergegen helfen und sich kombinieren lassen und welche Punkte wir widerum niemals zusammen stechen sollten. Nach den Le-Qi-Stase-Konzepten wenden wir uns dem „Jiang Jing“ zu, der unter anderem in der Lage ist die Wehentätigkeit bei einer Frau zuverlässig auszulösen. Natürlich würden wir ihn für den Fall sowieso nicht benutzen, da so etwas unseren Tätigkeitsbereich überschreitet. Doch ist die insbesondere die Information doch ganz interessant, dass selbiges auch bei einer Kuh wunderbar funktionieren soll. Nach weiteren transfixierenden Techniken zu diesem Punkt merke ich schon, dass mein Hun nicht mehr so ganz verankert ist, denn ich muss mich zusammenreißen gedanklich nicht von Thema abzuschweifen. Es ist mittlerweile Spätnachmittag und ich habe den Eindruck, dass nicht nur ich ein wenig müde bin. Nach einem kurzen Ausflug zum Thema Sammel-Qi, lässt sich eine Freiwillige noch den Punkt KG17 stechen.

 

Danach lernen wir noch diverse Muster zu den „Ru Bing“, den Brusterkrankungen kennen. Wir erfahren, dass Brüste, welche wie wunderschöne Knödel anmuten meist nur im Dirndl wie solche erscheinen. Einige Brüste und Östrogenmangel später hat sich mein Konzentrationsmangel noch weiter verstärkt und ich bin froh, dass der Unterricht nun auch zu Ende ist. „Bis nächsten Monat dann!“ verabschiede mich in die Runde. Auf dem Heiweh erwische ich mich dabei die Brüste anderer Frauen zu mustern… So weit ist es also schon gekommen… So interessant dieses Wochenende auch war, ich glaube ich brauche nun eine kleine TCM-Pause!

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