Mein Weg zum Heilpraktiker

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„Wir stechen keine nüchternen Patienten!“

By admin | Oktober 16, 2009

Ich habe beschlossen, mein bisher erlangtes Wissen über die traditionell chinesische Medizin mit einem Seminar zum Thema Ohrakupunktur zu ergänzen. Heute ist nun der erste Tag von einem verlängerten Seminar-Wochenende. So wie auch der Körperakupunkturkurs zu Beginn diesen Jahres, findet nun auch dieser Kurs bei dem Dozenten Franz Thews in der Paracelsusschule Köln statt.

Als ich in die Schule herein komme, fühle ich mich zeitlich zurück versetzt. Herr Thews kommt just auf mich zu und wir schütteln uns die Hände. Kurz darauf finde ich mich schon im Klassenraum wieder, zwischen ein paar bekannten aber vor allem vielen fremden Gesichtern bzw. Ohren sitzend. Hektisch krame ich nach meinem Kugelschreiber und nach den Buntstiften, die wir mitbringen sollten, und Herr Thews kommt nach einer kurzen Vorstellung seiner Person auch schon zur Sache. Alles ist tatsächlich wie immer, als wäre zwischenzeitlich kein halbes Jahr vergangen, als ich das letzte Mal hier gesessen habe. Irgendwie unheimlich!

Zunächst einmal bekommen wir viele allgemeine Informationen zum Thema. Dazu gehören Indikationen und Kontraindikationen, Vor- und Nachteile, Kombinationsmöglichkeiten mit anderen Therapien, uvm. Dann erhalten wir eine Kopie von einem Foto eines Ohrs. Hier sollen wir zunächst einmal die groben Konturen nachmalen. Herr Thews möchte damit testen, wie gut unser fotografisches Gedächtnis funktioniert. Im Verlauf des Seminars werden wir noch viele Punkte auf ja nur 2-dimensionales Papier zeichnen und am Ende sollten wir uns schließlich vorstellen können, wo sich die Punkte am tatsächlichen 3-D Objekt befinden. Ich muss bei meinen Sitznachbarn spinksen und fühle mich dabei ein wenig wie in der Grundschule. Ist das jetzt peinlich? Ich weiß es nicht. Nachdem es dann aber auch der letzte geschafft hat ein Ohr zu Papier zu bringen, sprechen wir die einzelnen anatomischen Strukturen der Reihe nach durch und erfahren dabei schon mal im groben, an welchen Stellen sich welche Organe bzw. Strukturen repräsentieren. Vom Lobulus bis zum Helixschwanz bekommen wir alles erläutert. Nebenbei erfahren wir zudem, dass aus sozial-kulturellen Gründen chinesische Frauen auf Männer mit einem fleischigen Lobulus (Ohrläppchen) stehen, denn man sagt Ihnen wohl ein hohes Maß an Kondition nach. Kondition? Wobei? Das ist ja interessant! Wahrscheinlich werde ich ab heute viel intensiver auf Ohrläppchen achten… Hastig zeichne ich mir alles farbig ein und mache mir Notizen. Am Ende bin ich doch erstaunt, in wie viele Teile man so ein kleines Ohr doch noch einmal aufsplitten kann. Denn ich muss zugeben, dass ich bisher die Anatomie des (äußeren) Ohres doch weitgehend vernachlässigt habe. Zwar habe ich alle Begriffe schon einmal gehört, doch wollte ich mir ehrlich gesagt für die amtsärztliche Überprüfung keinen unnötigen Speicherplatz belegen. Ja mal ehrlich, es ist äußerst unwahrscheinlich, dass Lobulus und Co einen Schwerpunkt bei der Überprüfung bilden. Na das wäre eine große Überraschung gewesen: „Ja Frau Freniard, dass mit den Autoimmunerkrankungen, dem Herz und der Infusion war ja alles in Ordnung! Aber dass Sie mir nicht sagen können welcher Teil des Ohres sich Scapha nennt… tss…tsss…tsss….. Das macht Sie leider zu einer Gefahr für die Volksgesundheit!“. Ich glaube dann hätte ich mir lieber nochmal einen anderen Beruf gesucht. Ich krakle kopfschüttelnd und gedankenverloren ein Muster in meinen Block hinein als die Amtsärztin promt vor meinem geistigen Auge verschwindet. Irgendwas ist gerade anders. Irgendetwas hat mich aus meinen Gedanken gerissen. Was nur? Ich blicke mich im Raum um. Warum ist es denn so ruhig hier? Meine Augen taxieren Herrn Thews, der am Pult sitzt und still geradeaus starrt. Seine Lippen bewegen sich nicht mehr… Was ist nur los? „Das war eine Aufforderung zum Dialog!“ sagt er schließlich. Ups, ich habe nicht einmal die Frage mitbekommen. Doch nachdem er keine Antwort, worauf auch immer, erhält, steht er wieder auf und referiert dann doch unbeirrt weiter. Die Menge entspannt sich und fängt eifrig die neu im Raum schwebenden Wörter ein und schreibt sie in ihre Blöcke hinein. Das muss man tatsächlich zügig machen. Denn die Wörter lösen sich rasend schnell in Luft auf und zudem kommen auch stetig neue hinzu. Mittlerweile sind wir bei positiven und negativen Nadelreaktionen angelangt und lernen in dem Zusammenhang, dass wir nie nüchterne Patienten stechen sollten. Hihi – Teekesselchen. Soll ich meinen Patienten immer erst ein Gläschen Schnaps geben, bevor ich sie steche? Ui was habe ich nur für einen billigen Humor heute, diesen Gedanken spreche ich jetzt besser nicht laut aus. Ich räuspere mich stattdessen nur mal kurz „räusper“.

Nachdem wir an Hand des Ohres einer unserer Mitschüler (übrigens ein glücklicher mit fleischigem Lobulus) die einzelnen anatomischen Strukturen noch einmal genau erklärt bekommen haben, sprechen wir nun konkret über unseren ersten Akupunkturpunkt: den Punkt 82 (oder bei den Franzosen auch „Null-Punkt“ genannt) an der Helixwurzel.

Es folgt eine ausführliche Beschreibung seines Wirkumsspektrums, und mal wieder bedaure ich, dass ich nie gelernt habe zu stenografieren. Einige Zeit und 10 Seiten in meinem Block weiter, haben wir alle verstanden worum es geht und sollen uns gegenseitig diesen Punkt stechen. Letzteres verläuft ohne Zwischenfälle. Ich werde allerdings daran erinnert, dass ich doch viel lieber steche, als selbst gestochen zu werden. Aber das sind eben die Regeln!

Mit vielen lebhaften Beispielen werden uns im Anschluss 3 weitere Punkte näher gebracht und am Ende dürfen wir alle auch noch einmal stechen. Nach den Erkenntnissen, dass Eltern immer zu zweit schlafen, man im Leben täglich geprüft wird und Herr Thews Haare so kurz sind, weil er sie sich immer raufen muss, ist der Unterricht um 16:30 Uhr dann schließlich zu Ende und ich gehe mit heißen Ohren nach Hause :-)

 

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