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Die 400fache orale Befriedigung!
By admin | Oktober 17, 2009
Gespannt trete ich die Reise nach Köln an, bereit für den zweiten Tag des Ohrakupunktur Seminars. Da heute Samstag ist bekomme ich in der Bahn sogar einen Sitzplatz. Ich bin hell erfreut, es kann nur ein guter Tag werden.
In der Schule angekommen ziehe ich mir ein Becherchen Kakao aus dem Automaten und nehme im Klassenraum platz. Ja, ich bin dazu übergegangen nicht mehr soviel Kaffee zu trinken. Nicht wirklich aus gesundheitlichen, sondern viel mehr aus praktischen Gründen. Denn der harntreibende Kaffee zwingt mich einfach viel zu oft die Keramikabteilung aufzusuchen. Das ist nicht nur unangenehm, sich ständig während des Unterrichts aus den Reihen quetschen zu müssen, sondern man verpasst ja in dieser Zeit auch immer soviel. Nun denn, kaum habe ich alle meine Utensilien (Block, Stifte, Lineal, Skript, Ohr-Modell) auf dem Tisch abgelegt, geht es auch schon zur Sache. Motiviert startet Herr Thews mit einer knappen Wiederholung des gestrigen Tages und beginnt dann mit der Erörterung des nächsten zu lernenden Punktes namens „Aerophagie“. Ich möchte behaupten, ich bin mittlerweile eine ganz passable Ohren-Zeichnerin. Ich zeichne mir also erneut ein Öhrchen, markiere im selbigen unseren neuen Punkt und liste seine Einsatzbereiche und Reizarten daneben genau auf. Es ist der fünfte Punkt den wir besprechen und ich habe noch einen guten Überblick. Das ist ein schönes Gefühl! Plötzlich kommt der Direktor in den Raum und fragt, ob nicht zufällig jemand einen Wasserkocher dabei hat. Moment, ich schaue mal eben in meinem Rucksack nach – ausgerechnet heute habe ich diese Gerätschaft zu Hause vergessen. So was aber auch! Keiner hat zufällig einen Wasserkocher dabei und wir müssen alle herzlich lachen. Doch schnell fängt Herr Thews unserer aller Aufmerksamkeit wieder ein und es geht weiter im Text.
Wie mit dem Punkt „Aerophagie“ verfahre ich im Anschluss auch mit diversen Meisterpunkten, dem Null-Punkt-Retro und den Punkten 87 und 84. Bei letzterem betreten wir schon allmählich den Bereich der Sucht-Behandlung und sprechen über orale Befriedigung in diesem Zusammenhang. Das kann das Essverhalten betreffen („Jedes Pfund geht durch den Mund“), das ritualisierte Trinken, aber natürlich auch das Rauchen. Bis dato habe ich mir noch keine Gedanken darüber gemacht, dass sich ein Raucher im Schnitt 400 mal täglich oral befriedigt! 20 Zigaretten pro Tag à 20 Züge pro Zigarette ergeben unterm Strich eine 400 fache orale Befriedigung. Erstaunlich, so habe ich das noch nie gesehen. Um so interessanter wird unser nächstes Thema, nämlich das der Raucherentwöhnungstherapie. Während Herr Thews uns das Konzept näher bringt, verrät er uns auch einige Tipps und Kniffe im Umgang mit den Patienten. Meine rechte Hand schreibt eifrig mit und langsam mache ich mir Sorgen, ob der noch verbleibende Platz in meinem Block tatsächlich ausreichen wird…
Langsam verstehe ich auch, warum manche Punkte Namen haben und andere wiederum mit Zahlen belegt sind. Die mit Zahlen belegten Punkt stammen aus der chinesischen und die Punkte, die Namen haben, stammen aus der französischen Ohrakupunktur. Beide Akupunkturformen haben ihre Vor- und ihre Nachteile. Uns wird sozusagen ein „Best of“ aus beiden Stilrichtungen vermittelt.
Nach einer kurzen Pause, in der ich zur oralen Befriedigung keine Zigarette, sondern einen weiteren Kakao missbrauche, besprechen wir den Entspannungs- und den Anti-Depressions-Punkt. Nachdem ich allmählich schon einiges durcheinander werfe kommt passender weise auch der Frustrations-Punkt hinzu. Um zu demonstrieren, dass Frustration mit der Hüfte korrespondiert (es gibt Interpretationsmöglichkeiten zwischen Affekten und Gelenken) fordert Herr Thews uns auf ihn zu beschimpfen. Es dauert lange, lange, lange, bis endlich jemand „Ignorantes Arschloch“ zu ihm sagt und er uns schließlich zeigt, was genau er mit seiner Aussage gemeint hat.
Nach dem Anti-Agressions-Punkt, dem Begierde-Punkt, dem Angst-und Sorgenpunkt (die habe ich langsam auch, ob ich mir das alles hier merken kann) kommen wir zu den übergeordneten Psychopunkten. Nebenbei malen wir zur Übung unseren Sitznachbarn mit Fineliner die bisher gelernten Punkte ins Ohr und Herr Thews kontrolliert die Lokalisationen. Ich bin beruhigt, das Gelernte offensichtlich umsetzen zu können. Natürlich schließen sich aber noch weitere Punkte an und kurz überfällt mich mal wieder das Gefühl „ich weiß, dass ich nichts weiß“. Aber das kenne ich ja schon und Gott sei Dank hat die Erfahrung gezeigt, dass beim Nacharbeiten das Durcheinander doch wieder eine Ordnung findet. Nur deswegen kriege ich jetzt keine Panikattacke und kann über zwischenzeitlich gefallene Sätze, wie „wenn einem mit 40 nochmal echte dritte Zähne wachsen würden - das wäre gut „ oder „Ein Mann aus Holland hat sich auf das befruchten kinderloser Frauen spezialisiert“ (was wohl tatsächlich einer wahren Begebenheit entspricht) schmunzeln.
Am Ende machen wir noch einen Ausflug zum Thema „Wie finde ich die Ohrpunkte überhaupt?“ und lernen in diesem Zusammenhang den RAC (Reflex Auriculo Cardiale) kennen. Hierbei handelt es sich um ein Pulswellen-Resonanzphänomen, welchen wir auch direkt praktisch üben. Sehr interressant!
Jetzt können wir alle nach Hause gehen und weil ich so artig zugehört habe mache ich noch einen Abstecher in die Stadt und belohne mich erstmal mit einem neuen Paar Schuhe. Ich hoffe, dass ich heute Nacht nicht von Ohren träumen werde.
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